„Kinder lernen mehr von unserem Verhalten als von dem, was wir ihnen beibringen.“ (Unbekannt)

 

Heutzutage sind Rituale in der Kindererziehung schon fast verpönt. Sie werden gleichgesetzt mit langweilig, unflexibel und altmodisch. In diesem Artikel möchte ich aufzeigen, warum Rituale durchaus sinnvoll sind und sie das Leben mit Kindern sogar angenehmer und entspannter gestalten können.

 

Kinder brauchen Rituale – WARUM?

 

Rituale/festgelegte Abläufe/Wiederholungen dienen Kindern als Strukturierungs- und Orientierungshilfe im Alltag. Das hängt mit der Gehirnentwicklung von Kindern zusammen. Kinder messen Dingen und/oder Tätigkeiten erst eine Bedeutung bei, wenn sie öfter in ihrem Alltag vorkommen. Studien konnten außerdem zeigen, dass Rituale Ängste von Kindern reduzieren und die Selbstständigkeit fördern. Einige Studien berichten, dass die Konzentrationsfähigkeit durch Rituale verbessert und das Lernen erleichtert wird.

 

Als kleines Beispiel möchte ich den Kindergarten nennen: Im Kindergarten findet (meistens) ein genau festgelegter Tagesablauf statt: das Ankommen der Kinder, das freie Spiel, der Sesselkreis, Turnen, Spielen im Garten, Basteln, freies Spiel, etc. Auch das Essen (Jause, Mittagessen) findet nach festgelegten Regeln statt. Nach kurzer Zeit haben alle Kinder die Regeln gelernt und fühlen sich überwiegend wohl. Man kann als Pädagogin gut beobachten, wie zuvor aufbrausende/schwer handlebare, regellose Kinder ruhiger werden. Regeln legen nämlich auch gleichzeitig Grenzen fest, die Kinder oft verzweifelt suchen. Kinder orientieren sich an den Regeln und erfahren eine große Sicherheit.

 

Bringen Regeln nur den Kindern Vorteile oder auch den Eltern/der Familie?

 

Rituale bzw. einen ungefähren Tagesablauf zu haben erzeugt in der Familie ein „Wir-Gefühl“. Außerdem macht es Eltern das Leben ein Stück leichter, wenn Kinder in gewissen Situationen wissen, dass diese nach einem Schema ablaufen. Die Kinder wissen, wann was wie gemacht wird, akzeptieren es leichter und Diskussionen bleiben erspart.

 

Hier möchte ich ein Beispiel für ein gelungenes Ritual aus unserem Alltag anführen: Unsere Kinder sind nach dem Mittagessen ins Bett gegangen, was wir Eltern als willkommene Ruhe- und Kaffeepause genützt haben. Die Kinder wurden älter und hörten auf mittags zu schlafen. Ein Tag ohne Pause ist zehrend, weshalb wir den Kindern vermittelt haben, dass sie in dieser Zeit ruhig alleine spielen müssen. Natürlich hat das nicht von heute auf morgen geklappt, aber nach einigen Tagen hatten sie es akzeptiert. Ich liebe meine Kaffeepause :), in der meistens niemand was von mir will und friedlich im Kinderzimmer gespielt wird.

 

Und hier ein Ritual, das wir verabsäumt haben einzuführen und wo es deshalb immer wieder Stresssituationen gibt: Ich und mein Mann haben morgens unsere Routine-Tätigkeiten von Waschen, Anziehen hin zum Frühstücken. Irgendwann in dieser Zeit werden bei uns auch die Kinder angezogen und gewaschen. Je nachdem wie früh oder spät sie aufwachen, haben sie noch Zeit zum Spielen. Die Sache ist die, wenn sie länger schlafen, müssen sie sich gleich anziehen und Zähne putzen und können nicht mehr spielen. Das führt morgens, vor allem, wenn wir weg müssen, zu Diskussionen. Sie verstehen nicht, dass sie länger geschlafen haben und deshalb heute keine Zeit ist zum Spielen, aber gestern schon. Einfacher wäre es sicher gewesen, wenn wir ihnen von Anfang an gelernt hätten: Aufstehen, Anziehen, Zähne putzen und wenn dann noch Zeit ist spielen. Vielleicht machen wir das irgendwann noch…

 

Was ich damit veranschaulichen wollte ist: Rituale sind wichtig und gut, sie erleichtern das Leben und schaffen Freiräume. Man muss hier aber nicht perfekt sein und das ganze Leben zu einer einzigen Routine machen. Jede Familie sollte dort Rituale festlegen, wo sie für sie wichtig sind.

 

Einzige Ausnahme sind zwei Bereiche, in denen es für die psychische und körperliche Entwicklung, also die Gesundheit Ihres Kindes wichtig ist, Rituale zu haben:

  • Fixe Mahlzeiten und mindestens EINE gemeinsame Familienmahlzeit (u.a. entscheidende Essstörungesprävention)
  • Gleiche Bettgehzeiten mit einem ruhigen Abendritual

 

WIE KÖNNEN ESSENSRITUALE AUSSEHEN?

  • Eine Mahlzeit am Tag sollte gemeinsam von allen Familienmitgliedern ohne Hektik und Stress eingenommen werden.
  • Empfehlenswert ist, wenn jedes Familienmitglied seinen fixen Platz am Tisch hat. Das bietet den Kindern auch Sicherheit.
  • Ja nach Alter der Kinder können sie beim Kochen, Tischdecken, Abräumen und Wegräumen helfen.

 

BETTGEHRITUALE:

  • Wichtig ist, dass Kinder ab spätestens einem halben Jahr um etwa die gleiche Zeit ins Bett gehen. Wenn sie sich an diese Zeit einmal gewöhnt haben, ist es kein Problem, wenn es im Urlaub, zu Weihnachten oder bei Besuch später wird.
  • Gut wäre ein Abendritual, das je nach Alter des Kindes mitwächst. Anfangs kann es ein gemütliches Bad mit anschließender Massage, Zähne putzen und stillen sein. Mit dem Älter werden ist es dann ein Bad mit Zähne putzen und einem Flascherl. Später wird es zu duschen oder baden, Zähne putzen, umziehen, Buch lesen und schlafen gehen.

 

Kann es Folgen haben, wenn das Kind zu wenig Rituale/Gewohnheiten im Alltag erlebt? Psychisch gesehen kann sich bei Babys, Kleinkindern und Kindern, bei einem Erleben von zu wenig Halt oder Orientierungslosigkeit (Wiederholung: Kinder erleben Orientierung in Ritualen) Folgendes entwickeln:

  • Die meisten Kinder reagieren mit Einschlaf- und/oder Durchschlafproblemen, sowie Schlaflosigkeit.
  • Es entsteht dann eine dauerhafte Müdigkeit, die zu Konzentrationsproblemen führt.
  • Durch die Müdigkeit kann es allerdings auch zu einem Aufgekratztsein und zu Hyperaktivität kommen. Die Kinder sind überreizt und kommen nicht mehr zur Ruhe.

 

ALSO:

Rituale sind weder altmodisch und unflexibel, sondern für die psychische und körperliche Gesundheit von Kindern unumgänglich. Rituale machen auch nicht zwangsläufig unflexibel. Wenn ich 10 Tage ein Ritual befolge und dann einen Tag nicht, wird das Kind keinen Schaden davon tragen. Wichtig ist, dass es überwiegend mit diesem Ritual lebt, dass dieses Ritual gefestigt ist.

 

Um wieder den Kindergarten als Beispiel zu nennen: Da gibt es vielleicht täglich einen Sesselkreis, aber wenn ein Kind Geburtstag hat, gibt es stattdessen eine Party. Das können Kinder sehr gut unterscheiden.

 

EXTRAWORT ZU BABYS & KLEINKINDERN: Ob ein Baby oder Kleinkind mit einer Veränderung der Rituale umgehen kann, hängt sehr stark von der Persönlichkeit ab. Es gibt Kinder, die reagieren mit Schlaflosigkeit und einer durchwachten Nacht, wenn sie einmal später ins Bett gehen, weil Weihnachten ist und es gibt Kinder, die das nicht bemerken. Sollten Sie ein sensibles Kind haben, das Rituale sehr stark braucht, kann ich Ihnen versichern: Es wird besser und sie werden wieder flexibler! :)

 

ERINNERUNG UND SCHLUSSWORT: Rituale sind festgelegte Regeln und Grenzen ohne zu schimpfen.

 

ZUM ABSCHLUSS:

Auch für unsere Kinder müssen wir auf die Psyche und den Körper achten und uns um beides kümmern. Wir müssen sie mit gutem Essen versorgen, ihnen die Möglichkeit zu ausreichender Bewegung geben und ihre Psyche nähren mit allem, was sie in diesem Alter brauchen: Sicherheit, Grenzen, Regeln.

 

Bei Fragen kontaktieren Sie mich! Ich freue mich auch über Kommentare :).

 

Vielleicht interessieren Sie auch meine Artikel in Bezug auf Kinder: Kinder-leichte Ernährung :), Bewegt von Babybeinen an...

 

Interessante Literatur:

"Kinder verstehen: Born to be wild." von Herbert Renz-Polster

"Schlafen statt Schreien: Das liebevolle Einschlafbuch" von Elisabeth Pantley