„Kinder kannst du auch nicht mehr im Wald aussetzen, die meisten haben Smartphones.“

 

Als ich noch in Wien lebte, konnte ich es täglich beobachten. Egal wo – in der U-Bahn, beim Einkaufen, beim Arzt, an der Haltestelle, etc. waren Klein- und Kleinstkinder zu sehen mit einem Smartphone in der Hand. Sogar Wickelapps wurden mir mehr als einmal empfohlen, weil wir eine zeitlang das Problem hatten, dass sich unser Großer nicht wickeln lassen wollte. Wir haben es ohne geschafft, die schwierige Zeit ging vorbei. Mir wiederstrebte es, unsere Kinder ans Handy zu lassen bevor sie zwei Jahre alt waren. Trotzdem gibt es Situationen, in denen ich jetzt froh bin, dass ich ein Handy habe…

Vor einiger Zeit war ich in der Ambulanz – im Gepäck, mein fast dreijähriger Sohn. Nach vier Stunden warten, dreimal das Tiptoi Buch durchlesen, dreimal ein Rätselbuch durchmachen, mehreren Spazierrunden durchs Krankhaus habe ich mein Handy gezückt und er durfte Fotos schauen – 10 Minuten, dann waren wir endlich dran. Es wäre wohl auch ohne gegangen, aber wer hat, der hat.

 

Außerdem muss ich sagen, dass es eine der Lieblingsbeschäftigungen unserer Kinder ist, wenn sie müde sind oder ihnen fad ist, am Handy Fotos/kurze Videos anzuschauen.

 

Ich möchte Ihnen in diesem Artikel als erstes erzählen, wie wir in unserer Familie mit den neuen Medien umgehen – so quasi, wie tut die Psychologin damit? ;)

 

Mein Mann und ich sehen es so: Die neuen Medien gibt es. Sie sind nicht wegzudenken und auch wir schauen öfters am Tag aufs Handy, sei es zum Telefonieren, zum Nachrichten schreiben/lesen oder um Informationen zu erhalten. Die Kinder sehen also, dass man das Handy nützt, immer wieder. Wir spielen aber beide keine Spiele und halten nichts von diesem sinnlosen Zeitvertreib. Wir haben beide kaum Apps, außer nützliche wie eine Taschenlampen-App, die uns beim Stromausfall schon mal gerettet hat ;). Sprich unsere Kinder sehen auch, dass man keine Stunden vorm bzw. mit dem Handy verbringt.

 

Unsere Kinder dürfen seit einiger Zeit einmal täglich einige Minuten Fotos am Handy ansehen. Wollen sie mehr Fotos sehen, müssen sie das gute alte Fotoalbum zur Hand nehmen oder ein Buch anschauen.

 

Unsere Kinder (bald 3, bald 5) dürfen nach dem Mittagessen auf Youtube eine Folge Mogli, Biene Maja oder Bob der Baumeister anschauen. Eine Folge dauert 9 bzw. 10 Minuten. Wenn wir mittags nicht zu Hause sind, fällt das Anschauen aus und es ist kein Problem. Es ist ein Ritual und damit gibt es keine Diskussionen während des restlichen Tages.

 

Ab und zu zeigt ihnen mein Mann Videos auf Youtube, wenn sie beispielsweise wissen wollen, wie ein bestimmtes Tier aussieht oder sich die Polizeisirene anhört. Es hält sich in Grenzen, ist nicht täglich und dauert nie länger als 5 Minuten. Also kann ich damit leben.

 

IST UNSERE HANDHABUNG EMPFEHLENSWERT/RICHTIG?

 

Schwer zu sagen. Wir haben das für uns so festgelegt und für uns passt es.

 

WAS SAGT DIE WISSENSCHAFT BZW. STUDIEN DAZU?

 

Alle bisherigen Studien zeigen: Bildschirm-Mediennutzung für Kinder unter 18 Lebensmonaten hat KEINEN POSITIVEN Effekt auf die Kinder. Für danach gibt es zeitlich begrenzte Empfehlungen was die Bildschirmnutzung betrifft. Je nach Alter sind das zwischen 10-30 Minuten pro Tag.

 

ALSO: Vor 18 Monaten keine Bildschirm-Mediennutzung, idealerweise so lange wie möglich. Vergleichen Sie es vielleicht mit dem Konsum von Alkohol. Sie erlauben bis zu einem gewissen Alter auch gar keinen Alkohol. Vielleicht hilft es Ihnen, bis zu einem gewissen Alter auch keine neuen Medien zu erlauben. Danach kommt es auf die Menge an.

 

WAS BRAUCHEN KINDER FÜR EINE GESUNDE ENTWICKLUNG?

 

Um zu entscheiden, wie viel Bildschirm-Mediennutzung sinnvoll ist muss man sich damit beschäftigen, was Kinder für eine gesunde Entwicklung während ihres Tages neben Essen, Kuscheln und Schlafen brauchen:

  1. Kinder brauchen viel Bewegung – idealerweise an frischer Luft.
  2. Kinder brauchen Zeit zum freien Spiel, um ihre Erlebnisse verarbeiten zu können und ihre Fantasie zu fördern.
  3. Kinder brauchen Zeit zum Spielen mit anderen Kindern.
  4. Kinder müssen alle Sinnesorgane (zum Hören, Sehen, Fühlen, Riechen, Schmecken) nutzen können.

 

Daraus ergibt sich folgendes:

  • Je mehr Zeit Kinder vorm Bildschirm verbringen, desto weniger bewegen sie sich (an frischer Luft).
  • Je mehr Zeit Kinder vorm Bildschirm sitzen, desto weniger Zeit verbringen sie mit kreativem Spiel, in dem sie Fantasie entwickeln können.
  • Je mehr Zeit Kinder vorm Bildschirm sitzen, desto weniger Zeit spielen sie mit anderen Kindern.
  • Je mehr Zeit Kinder vorm Bildschirm sitzen, desto weniger können sie Sinnesorgane nutzen, z.B. die Umgebung ansehen (z.B. beim Autofahren).

 

WAS TUN???

 

Mediennutzung ist wichtig in unserer Gesellschaft und Verteufelung macht überhaupt keinen Sinn. Kinder wachsen damit auf, genauso wie mit Süßigkeiten. Besser als ein generelles Verbot ist ihnen einen verantwortungsvollen Umgang mit dem neuen Medium zu lernen. Das wichtigste dabei ist VORBILD SEIN!

 

Es soll BILDSCHIRMFREIE Zeiten geben – Zeiten, in denen das Handy beiseite gelegt ist und nicht angesehen wird; wo nicht abgehoben oder darauf herum getippt wird. Zeiten, in denen das Kind wichtiger ist als das Handy. Für Kinder ist es hilfreich, Rituale zu haben – nur zu einer gewissen Zeit gibt es Bildschirmnutzung, zu keiner anderen. Für einige kann es hilfreich sein, beim Autofahren Fotos am Handy zu erlauben oder nach dem Mittagessen zur Entspannung für die Eltern (wie es bei uns ist) oder vorm Abendessen (damit Mama in Ruhe das Abendessen machen kann), etc. Lesen Sie hier mehr darüber warum Rituale wichtig sind und wie sie den Alltag erleichtern: Warum Rituale für Kinder wichtig sind!

 

WIE LANGE – WIE OFT?

 

So wenig wie möglich – so viel wie nötig. Empfehlungen gehen von 10 – 30 Minuten pro Tag.

 

Orientieren Sie sich vielleicht daran, dass Ihre Kinder ÜBERWIEGEND Zeit für die vorher genannten vier Punkte haben sollte, dann bleibt sowieso nicht mehr viel Zeit für die Mediennutzung.

 

WAS TUN MIT GESCHWISTERKINDERN?

 

Ältere dürfen, jüngere noch nicht? Wir haben das anfangs so gelöst, dass der Ältere nach dem Mittagessen seine Folge Dschunglbuch geschaut hat. Der Kleine hat zu dieser Zeit geschlafen. So gab es nie Diskussionen. Das Handy hat ihn lange nicht interessiert bzw. ein Spielzeughandy war ausreichend. Das hat er so früh sowieso nur eingespeichelt.

 

Wenn sie dann älter werden, ist es schwieriger und jede Familie muss für sich entscheiden, wie es passt:

 

Eine Lösung wäre, dass der Ältere so wenig schauen darf wie der Jüngere – damit tut man ihm was Gutes, weil gesundheitlich betrachtet sowieso weniger Medienkonsum besser ist als mehr. Wir orientieren uns in diesem Fall am Kleineren.

 

Die zweite Methode wäre sich mit dem Kleinen zu beschäftigen und den Größeren so seine Zeit Medien konsumieren zu lassen.

 

Praktikabler finde ich Lösung eins. Lösung drei, dass der Kleine einfach mehr Zeit mit den Medien verbringen darf und man sich quasi am Älteren orientiert, ist für mich persönlich nicht okay und psychologisch auch nicht empfehlenswert. Damit schadet man der Entwicklung des Jüngeren.

 

ZUM ABSCHLUSS:

Damit unsere Kinder gesund bleiben, brauchen sie ein ausgewogenes Verhältnis an Bewegung, gesunder Ernährung, Entspannung, freiem Spiel, Fantasie, Kuschelzeit, Schlaf und Bildschirm-Mediennutzung. Es gibt die neuen Medien und wichtiger als sie zu verteufeln ist einen verantwortungsvollen Umgang damit vorzuleben, zu vermitteln und zu erlauben.

 

Bei Fragen kontaktieren Sie mich! Ich freue mich auch über Kommentare :).