„Perfektion liegt im Auge des Betrachters.“

 

Ich begegne in meiner Arbeit unzähligen verunsicherten, frustrierten, gestressten Menschen, Jugendlichen, jungen und älteren Menschen, die perfekt sein möchten: in der Schule, im Job, in der Beziehung, als Eltern, etc. Selbst die, die sagen, sie hätten keinen perfekten Haushalt etc. überraschen mit strahlenden Böden. Selbst die, die sagen, nie Sport zu treiben, haben eine perfekte Figur. Es gibt zwei Aspekte, die es gilt sich anzusehen, wenn man über perfekt sein spricht:

1. Den gesellschaftlichen Druck, dass alles perfekt zu sein hat:

  • Man sollte sich immer perfekt verhalten: freundlich, geduldig, sportlich, aktiv, gut gelaunt, strahlend, zuvorkommend, etc.
  • Man sollte immer ein perfektes äußeres Erscheinungsbild an den Tag legen und damit ist nicht gemeint, dass man gepflegt ist, also sich kämmt, wäscht, etc. Dabei geht es mehr um Faltenfreiheit, perfekte Lidstriche, frische gebräunte Haut ohne Makel (z.B. Pickel), etc.
  • Idealerweise tanzt und strahlt man vom Aufstehen bis zum Schlafengehen produktiv durch die Gegend.

 

2. Unsere Gesellschaft, die uns ständig Bilder von perfekten Gegenständen und einer perfekten Umgebung vermittelt:

  • Im Fernsehen sehen wir perfekte Häuser und Gärten.
  • Auf Plakaten strahlen uns perfekte Menschen entgegen.
  • Auf diversen Blogs strahlen uns perfekte Mahlzeiten an.
  • Etc.

 

Doch was sind die Folgen davon, dass die Gesellschaft darauf ausgerichtet ist, dass alles perfekt zu sein hat, weil es ja augenscheinlich möglich ist, dass alles perfekt ist. In den Medien sieht man doch, das es klappt?

 

Kurzzeitig machen sich innere Unruhe und Anspannung breit. Man leidet permanent unter Stress. Mit der Zeit entsteht Angst, dass man Fehler machen – Versagen könnte, weil die Ansprüche einfach zu hoch sind. Man entwickelt also Angst vor der Ablehnung und schließlich sogar Angst vor dem Erfolg. Angst, etwas zu beenden, weil es nicht perfekt sein könnte. Wenn man Fehler macht oder etwas nicht genauso läuft, wie man es sich vorgestellt hat, dann bricht man einfach ab, weil man sich schämt, weil man versagt hat. Es entstehen Frustration und schließlich im schlimmsten Fall eine Depression mit sozialem Rückzug. Möglicherweise kommt Suchtmittelkonsum (Alkohol, Drogen) dazu, weil man die negativen Gefühle unterdrücken möchte. Burnout, Tinnitus, Schlafstörungen treten häufig auf. Auch Essstörungen sind eng mit Perfektionsstreben verbunden.

 

War es früher besser?

 

Jein. Früher war es anders. Perfektionismus gab es schon immer. Der große gesellschaftliche Druck ist allerdings in jedem Fall mehr geworden. Die technischen Möglichkeiten sind besser. Früher hat man mit der Kamera ein Bild gemacht und je nach (natürlicher) (Tages-)Beleuchtung wurde es besser oder schlechter. Idealerweise sah man trotzdem noch den bunten Blätterwald in natura, weil er einfach schöner war als das Foto. Heute kann man ein Bild mit dem richtigen Photoprogamm so gut bearbeiten, dass es immer besser aussieht als der natürliche Blätterwald. Deshalb ist zusätzlich zum Perfektionismus auch noch hinzugekommen, dass die Wirklichkeit die Darstellung nicht mehr erreichen kann.

 

Sehen Sie sich hier beispielsweise einmal an, wie ein perfektes Bild des Essens entsteht:

https://www.youtube.com/watch?v=2ug36E3xO4E

 

Sehen Sie sich hier beispielsweise an, wie ein Plakat mit einer perfekten Frau entsteht:

https://www.youtube.com/watch?v=Ar61gWIjjps

 

Ist Perfektionismus nur schlecht?

 

Nein, in keinem Fall. Perfektionismus hat auch seine guten Seiten. Die Welt braucht gewissenhafte, pflichtbewusste, ehrgeizige und korrekte Menschen, die es zu etwas bringen wollen. Perfektionismus ist sinnvoll, wenn man Ziele und Wünsche erreichen will.

 

Wie bei allem gilt auch hier: Alles mit Maß und Ziel! „Die Dosis macht das Gift“, sagte einst schon Paracelsus. Ein bisschen Perfektionismus in gewissen Situationen ist gut, hilfreich und notwendig. Zuviel davon macht uns kaputt.

 

DESHALB IST ES UNGLAUBLICH WICHTIG vor allem auch UNSEREN KINDERN zu vermitteln: NICHTS AUF DIESER WELT IST PERFEKT! Rein gar nichts! Perfekt ist, wenn man selbst mit etwas zufrieden und glücklich ist, so wie es ist. LIEBE bekommt man, weil man liebenswert ist, wie man ist, mit seinen Stärken und Schwächen. ANERKENNUNG bekommt man, weil jemand etwas GUT findet, das wir gemacht haben. ABER BEIDES HAT NICHTS MIT PERFEKTION ZU TUN!

 

Was können Sie tun, um sich vor Perfektion zu schützen? Hier möchte ich Ihnen einige Tipps für eine positive, entspannte, gelassene und glückliche Lebensgestaltung geben!

 

1. ACHTSAMTKEIT

 

Schon wieder die Achtsamkeit :). Achten Sie darauf, wenn Sie großen inneren Druck spüren! Halten Sie dann gedanklich an und sagen Sie sich: „Da bist du ja wieder Perfektionismus. Wo spüre ich diesen Druck gerade? Im Magen? Im Darm? Im Kopf? Wie genau merke ich meine Unruhe? Wovor habe ich eigentlich Angst?“

 

Wenn Sie das Gefühl des Druckes des Perfektionismus spüren und gedanklich angehalten haben, dann versuchen Sie, es einfach hinzunehmen. Es ist da, es ist nicht schlimm. Atmen Sie tief ein und aus und machen Sie langsam und bewusst mit den Gedanken weiter: „Ich mache einen Schritt nach dem anderen, aber es muss nicht perfekt sein. Ich bemühe mich, so gut ich kann und niemand mag mich mehr oder weniger, auch wenn nicht alles perfekt ist.“

 

2. PERFEKT IST OFT NICHT SO WICHTIG

 

Darf ich Sie etwas fragen? Was ist Ihnen im Leben wichtig? Müssen Sie Ihre Wohnung wirklich perfekt putzen, in der Arbeit perfekt sein, zum Spinning gehen, perfekt gestylt sein und die Kinder 100%ig selbst versorgen? Was bekommen Sie dann außer einem Erschöpfungszustand? Anders gefragt: Was würde passieren, wenn Sie die Wohnung eine Woche nicht putzen, einmal keinen Sport machen und die Kinder einmal länger im Kindergarten bleiben? Wären Sie weniger liebenswert?

 

Ich möchte Ihnen noch ein Beispiel nennen: Denken Sie an Ihre absolute Lieblingsband! Sie besuchen ein Konzert. Bei einem Song verspielt sich die Band hörbar. Erste Frage: Nehmen Sie es überhaupt wahr? ;) Und zweite Frage: Mögen Sie die Band deshalb weniger?

 

Ein weiteres Beispiel: Denken Sie an Ihr Lieblingsbuch! Was macht Ihr Lieblingsbuch aus? Die Geschichte? Der Stil? Aber ist es nicht egal, welches Cover es hat oder ob es einen Druckfehler hat?

 

Perfekt ist nicht „makellos“. Wenn eine Band nie auftreten würde, weil sie Angst hat, nicht perfekt zu sein, dann wäre das sehr traurig. Wenn ein toller Autor nie ein Buch veröffentlichen würde, weil er Angst hat, dass ein Druckfehler passiert, würden uns viele gute Geschichten entgehen. Perfektion liegt im Auge des Betrachters :).

 

3. FEHLER GEHÖREN ZUM LEBEN – AUS FEHLERN LERNEN WIR!

 

Stellen Sie sich einmal ein Baby vor, das einmal versucht aufzustehen, aber einen Fehler beim Verlagern des Gewichts macht und umfällt und sich sagt: „Ich stehe nie mehr auf.“ Dann würde es niemals gehen lernen.

 

Babys stehen auf und plumpsen auf ihren gut gepolsterten Windelhintern – ungefähr 1000-mal!

 

Fehler sind blöd, vor allem, wenn sie viel Geld kosten. Aber Fehler machen das Leben zu dem, was es ist. Idealerweise passiert uns ein Fehler nur einmal oder höchstens zweimal. Möglicherweise bringen uns genau die Dinge, die wir heute als Fehler ansehen, eigentlich weiter. Sehen Sie das Leben als größeres Ganzes!

 

4. POSITIVES SELBSTWERTGEFÜHL DURCH POSITIVE GLAUBENSSÄTZE

 

Kennen Sie, dass Sie schlecht mit sich/über sich sprechen?

„Sch…., ich bin so blöd,…“

„So ein Schmarrn, ich kann auch nichts richtig machen…“

 

Wenn solche Gedanken über Sie selbst kommen, sagen Sie innerlich sofort „STOPP“! Ersetzen Sie die negativen Gedanken mit:

  • Ich bin gut genug.
  • Ich bin wertvoll.
  • Ich darf mir Gutes tun.
  • Diesmal hat es nicht gut geklappt, aber ich habe mein Bestes gegeben und lerne, sodass es beim nächsten Mal besser geht.
  • Ich werde täglich besser darin.

 

Mehr über positive Glaubenssätze und Affirmationen lesen Sie in meinem Blog-Artikel dazu.

 

5. GEHEN SIE KLEINE SCHRITTE!

 

Kennen Sie den Ausspruch: „Rom wurde nicht an einem Tag erbaut?“ Tja, genauso ist es. Nichts entsteht an einem Tag. Alles ist ein Prozess und braucht seine Zeit. Nichts demotiviert mehr, als einen Berg an Anforderungen vor sich zu haben, die kaum zu bewältigen sind. Gehen Sie nur einen Schritt nach dem anderen, erledigen eine Aufgabe nach der anderen und täglich kommen Sie dem Gipfel näher. Manchmal, wenn der Berg zu hoch ist, hilft professionelle Hilfe, die den Weg mit Ihnen ordnet und geht.

 

6. SCHWÄCHEN AKZEPTIEREN UND STÄRKEN ENTDECKEN

 

Ganz wichtig ist auch, dass man lernt damit umzugehen, dass man nicht in allem perfekt sein kann. Einer kann Autos reparieren, der andere kann Haare schneiden, der nächste kann zeichnen und wieder ein anderer kann Kindern Englisch beibringen. Jeder hat eine ganz tolle Eigenschaft, eine Stärke, die ihn ausmacht. Das ist eigentlich total toll, oder? So ist von allem etwas da. Stellen Sie sich vor, jeder könnte gut Autos reparieren, aber niemand könnte gut Haare schneiden.

JEDER MENSCH IST WERTVOLL und JEDER MENSCH hat mehrere ganz besondere Stärken. Erinnern Sie sich an ihre und seien Sie stolz darauf. Dann fällt es auch leichter zu akzeptieren, dass man nicht alles kann.

 

7. FRAGEN SIE DOCH EINMAL MENSCHEN, WAS SIE AN IHNEN GERNE MÖGEN

 

Wenn Sie es selbst nicht wissen, was es Tolles über Sie zu sagen/wissen gibt, dann fragen Sie doch eine FreundIn, Ihre PartnerIn, ArbeitskollegInnen, etc. So bekommen Sie ein großes Sammelsurium an Komplimenten. Weil es für viele schwer ist, danach zu fragen, denken Sie in Zukunft vielleicht immer wieder daran, anderen Menschen mitzuteilen, was sie an ihnen toll finden und schätzen. Dann kommt vielleicht etwas Positives über sie zurück. „Wie man in den Wald hinein ruft…“ :).

 

8. HÖREN SIE AUF, SICH ZU VERGLEICHEN!

 

Perfektionismus entsteht wohl in erster Linie aus dem Vergleich mit anderen, mit Fernsehfiguren, mit Societypersonen, mit Freunden, Nachbarn, etc.

 

Was Sie dabei BESTIMMT übersehen ist, dass Sie sich immer nur mit einer einzigen Sache an dieser Person vergleichen. „Der sieht so toll aus und das ganz ohne Schönheits-OP.“ Aber wissen Sie, ob der vielleicht ein total unglücklicher Single ist? Oder: „Die verdient so viel und die können sich so ein schönes Haus bauen.“ Möglicherweise, aber wissen Sie, ob diese Person genauso viel Zeit mit ihren Kindern verbringen kann, wie Sie?

 

Wenn Sie vergleichen, dann müssten Sie sich fragen: Wollen Sie das GESAMTE Leben der Person, den gesamten Körper, den Partner oder eben der Single sein, die Wohnung, den Job, etc. Oft wollen wir die Figur, aber nicht die Nase. Oft wollen wir den Partner, aber nicht die Wohnung, etc.

 

Vergleichen ist demnach absolut SINNLOS.

 

9. HINTERFRAGEN SIE DIE GESELLSCHAFT – SCHAUEN SIE ÜBER DEN TELLERRAND!

 

Unsere Gesellschaft ist sehr auf das „Außen“ gerichtet, auf das Herzeigen, dass man etwas hat. Auf das zeigen, wie glücklich man ist und was man nicht alles tut.

 

Da ranken sich perfekte Familienfotos vom letzten Sonntagsausflug auf Facebook, öffentliche Liebeserklärungen via Twitter, lustige Partyfotos vom letzten Samstag, etc.

 

Erinnern Sie sich aber selbst daran: NICHTS IST PERFEKT! Nach dem perfekten Foto hat vielleicht das Kind herumgezickt und wollte nicht weitergehen, Sie werden es nicht erfahren. Gestern, vor der Liebeserklärung, gab es vielleicht Streit um die offene Zahnpastatube, Sie werden es nicht erfahren. Die Disko war vielleicht so leer, dass man selber einfach viele dumme Grimassenfotos machen musste, weil wenn es so toll gewesen wäre, hätte man vermutlich keine Zeit zum Fotografieren gehabt, Sie werden es nicht erfahren. Das Bild sagt, dass es perfekt war.

 

Machen Sie Ihre eigenen perfekten Bilder! Schauen Sie mehr auf Ihre Fotos, wo die Familie lächelnd in die Kamera schaut! Erinnern Sie sich an einen netten Abend mit Freunden, an dem es vielleicht geregnet hat und am Ende alle statt draußen gegrillt, drinnen zusammengequetscht Spaß hatten! Erinnern Sie sich an eine Liebesbotschaft am Kühlschrank auf einem abgerissenen Zeitungspapier, weil nichts anderes da war! Aber es kam von Herzen. Erinnern Sie sich ganz privat an Ihre PERFEKTEN AUGENBLICKE!

 

ALSO:

Wichtig ist, dass Sie mit Ihrem Leben zufrieden sind, wie es ist! Leben Sie Ihr Leben, wie Sie es sich wünschen! Tun Sie Dinge aus Ihrem tiefsten Herzen und nicht, weil es die Gesellschaft will.

 

ZUM ABSCHLUSS:

Damit wir energiegeladen, gelassen und glücklich durch unser Leben gehen, braucht es ein Stück Leichtigkeit und Akzeptanz, dass wir Menschen sind und keine perfekten Maschinen. Mit diesem tiefen Bewusstsein speisen wir die Psyche mit Gelassenheit. Wichtig ist auch, dass wir nährstoffreich essen und unseren Körper bewegen. Kümmern Sie sich immer um Körper und Psyche, denn sie sind eine Einheit!

 

Bei Fragen kontaktieren Sie mich! Ich freue mich auch über Kommentare :).

 

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Literatur:

Der flexible Mensch – Die Kultur des neuen Kapitalismus“ von Richard Sennett

Gesellschaft der Angst“ von Heinz Bude