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Gesundheit lässt sich nicht vollständig erzeugen...

  • Autorenbild: Alexandra Lang
    Alexandra Lang
  • 15. Apr.
  • 4 Min. Lesezeit

Warum nicht alles reguliert, gelöst oder geheilt werden kann – und warum genau das wichtig ist


Ich beschäftige mich seit über 25 Jahren mit Gesundheit und ihren vielen Facetten: Ernährung, Bewegung, mentale Gesundheit, Psychologie, ganzheitliche Ansätze. Lange Zeit hatte ich dabei ein klares Ziel – Heilung.


Heilung für mich. Heilung für meine Klient:innen. Es muss uns doch gut gehen. Oder zumindest endlich wieder gut gehen.


Ich habe viel ausprobiert – eigentlich alles. Ernährung nach TCM, Akupunktur, Shiatsu, Therapie, Hypnose usw. Und mein Körper reagierte oft nach demselben Muster: Eine neue Methode, zum Beispiel eine Ernährungsumstellung – juhu, die Beschwerden sind weg. Endlich die Lösung. Also vertiefen, lernen, vielleicht sogar eine Ausbildung machen, weil es sich so stimmig anfühlt.


Ein paar Wochen später: neue Symptome. Also wieder auf die Suche. Wieder eine Lösung. Wieder Erleichterung .Und dann: erneut Beschwerden. Manchmal sogar alte, längst überwunden geglaubte.


Irgendwann folgten Symptome einfach auf Symptome. Die Frustration wuchs. Hoffnungslosigkeit. Zweifel – an der Psychologie, an der Ernährung, an Methoden, an mir selbst.


Und irgendwann wurde mir klar: Ich musste mich lösen von der Idee, dass Gesundheit nur die richtige Strategie braucht.


Diese Idee begegnet uns überall. Sie verkauft sich gut. „Mach das – und dann Heilung.“ Und natürlich wünschen wir uns alle Beschwerdefreiheit.


Doch es gibt etwas, das wir oft nicht hören wollen, weil es nicht besonders tröstlich klingt:

Nicht alles im Leben lässt sich lösen. Nicht alles lässt sich regulieren. Nicht alles wird irgendwann leicht.

Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – kann ein Mensch gesund sein.


Ein kleines Bild dazu: Mein Kind möchte morgens unbedingt eine Hose anziehen, die ihm längst zu klein ist und die wir bereits aussortiert haben. Diese Lösung gibt es nicht mehr. Punkt.


Das frustriert. Es macht wütend. Es tut weh. Und es ist trotzdem Realität.


Natürlich finden wir eine andere Hose. Aber nicht die eine, die er sich wünscht. Nicht die, die ihn in diesem Moment wirklich zufrieden oder „glücklich“ machen würde.


Und genau das muss er aushalten.


Nicht, weil wir hart sind.Sondern weil das Leben manchmal keine passgenaue Lösung bereithält – nur eine tragfähige Alternative.


Gesundheit ist kein Zustand ohne Spannung


Gesundheit wird häufig beschrieben, als wäre sie ein möglichst stabiler, angenehmer Zustand: ausgeglichen, ruhig, in Balance.


Doch das Leben selbst ist nicht balanciert. Es ist widersprüchlich, fordernd, manchmal unfair.


Beziehungen belasten. Entscheidungen kosten Kraft. Lebensphasen überfordern. Körper verändern sich – auch dann, wenn wir „alles richtig machen“.


Gesundheit bedeutet aus meiner Sicht nicht, diese Spannungen zu vermeiden. Sondern mit ihnen in Beziehung bleiben zu können.


Das Stuhl-Bild – weitergedacht


Ich arbeite seit vielen Jahren mit dem Bild des Stuhls, das du vielleicht schon aus anderen Artikeln kennst.


Die vier Stuhlbeine stehen für:

  • psychische Gesundheit

  • Ernährung

  • Bewegung

  • soziales Umfeld


Keines dieser Beine steht für sich allein. Sie sind über die Sitzfläche verbunden. Und keines muss perfekt sein, damit der Stuhl trägt. Es braucht Balance – und diese Balance darf dynamisch sein.


Was mir jedoch erst mit der Zeit wirklich klar geworden ist: Der Stuhl steht nicht im luftleeren Raum.


Er steht auf einem Boden, den wir uns nicht ausgesucht haben:

  • Herkunft

  • gesellschaftliche Bedingungen

  • Lebensphase

  • Belastungen

  • Verluste

  • Verantwortung


Manchmal wackelt dieser Boden. Manchmal ist ein Stuhlbein beschädigt – vorübergehend oder dauerhaft.


Gesundheit bedeutet dann nicht, den perfekten Stuhl zu bauen. Sondern zu lernen, auf einem nicht perfekten Stuhl sitzen zu können, ohne permanent im Alarmzustand zu sein.


Nervensystemarbeit: wichtig, aber nicht ausreichend


Nervensystemarbeit wie es momentan in aller Munde ist, ist wertvoll. Sie kann unterstützen, stabilisieren, Spielräume öffnen. Aber sie ist kein Garant für ein leichtes Leben.


Ein reguliertes Nervensystem ist eine Ressource – nicht mehr, aber auch nicht weniger.


Wir können lernen, uns besser zu regulieren, und trotzdem in Beziehungen bleiben, die fordern. Wir können Sicherheit aufbauen und trotzdem Entscheidungen treffen müssen, die sich unsicher anfühlen. Wir können uns selbst mit Mitgefühl begegnenund trotzdem Dinge tun, die anstrengend sind.

Gesundheit heißt nicht:

„Es fühlt sich gut an.“

Sondern oft:

„Ich halte das aus, ohne mich selbst zu verlieren – und ohne zu verzweifeln.“

Frustration ist kein Zeichen von Dysregulation


Das auszusprechen ist mir wichtig – gerade weil es unpopulär ist:


Nicht jede Frustration ist ein Problem. Nicht jede Anspannung muss wegreguliert werden. Nicht jedes Unwohlsein bedeutet, dass etwas „falsch“ läuft.


Manche Gefühle entstehen, weil wir leben:

  • weil wir Grenzen haben

  • weil wir Verantwortung tragen

  • weil wir uns binden

  • weil wir verzichten

  • weil wir nicht alles kontrollieren können


Ein gesundes Nervensystem ist nicht eines, das ständig ruhig ist. Sondern eines, das zwischen Zuständen wechseln kann, ohne stecken zu bleiben.


Beziehung heißt nicht Schonung


Über Beziehung zum eigenen Körper habe ich im letzten Blogartikel geschrieben. Und mir ist wichtig, das hier zu ergänzen:


Beziehung bedeutet nicht, sich zu schonen, bis nichts mehr wehtut. Oder die gesamte Energie ausschließlich aufs „Gesundwerden“ zu richten.


Genauso wenig, wie gute Elternschaft bedeutet, dem Kind jede Zumutung abzunehmen –oder einfach nur durchzuhalten, bis es irgendwann vorbei ist.


Manchmal heißt Beziehung:

„Ja, das ist schwer – und ich gehe trotzdem weiter.“

Gesundheit als Fähigkeit, im Leben zu bleiben


Vielleicht ist das mein persönlichster Gesundheitsbegriff:


Gesundheit ist die Fähigkeit,

  • in Kontakt zu bleiben – mit sich selbst, mit anderen, mit der Realität

  • Spannungen auszuhalten ohne zu verzweifeln

  • Unterstützung anzunehmen, ohne Verantwortung abzugeben

  • nicht alles lösen zu müssen, um weiterzugehen


Das braucht:

  • Körper

  • Psyche

  • Beziehung

  • Kontext


Alles. Nicht entweder oder.


Ein ehrlicher Gedanke zum Schluss


Ich glaube nicht an die eine Lösung. Nicht an das eine Tool. Nicht an den nächsten großen Schlüssel.


Ich glaube daran, dass Gesundheit dort entsteht, wo Menschen lernen, mit sich selbst und dem Leben in Beziehung zu bleiben – auch dann, wenn es nicht rosarot ist.


Vielleicht ist das weniger tröstlich als ein Heilungsversprechen. Aber dafür ehrlicher. Und auf lange Sicht tragfähiger.




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