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Warum wir uns selbst oft anders sehen als andere...

Autorenbild: Alexandra Lang
Alexandra Lang
vor 7 Tagen
7 Min. Lesezeit

Im letzten Artikel ging es darum, wie unsere Wahrnehmung unser Erleben und unsere Beziehungen beeinflusst.


Wenn ich den Artikel gut verfasst habe, dann hast du hoffentlich seitdem beobachten können, dass Menschen dieselbe Situation völlig unterschiedlich erleben können. Oder dass sogar das gleiche Wort für verschiedene Menschen etwas völlig anderes bedeutet.


So frage ich am Beginn meiner Behandlungen immer: „Was bringen Sie heute mit?“ „Was bringst du heute mit?“ „Wie geht es Ihnen?“ „Wie geht es dir?“


Die Antwort lautet fast immer: „Gut.“


Und dann beginnen wir, dieses „gut“ genauer zu erforschen. Du würdest nicht glauben, welche Bandbreite dieses kleine Wort haben kann.


Für manche bedeutet es: „Mir geht es hervorragend.“

Für andere: „Es ist gerade schwierig, aber ich halte durch.“

Und für wieder andere: „Eigentlich geht es mir gar nicht gut, aber ich möchte/darf/soll nicht darüber sprechen.“


Das gleiche Wort und viele völlig unterschiedliche Bedeutungen.


Oder vielleicht kennst du das aus dem Urlaub. Zwei Menschen erleben dieselbe Reise, besuchen dieselben Orte und verbringen die gleiche Zeit miteinander. Jahre später erzählen sie davon und man könnte fast meinen, sie sprechen von zwei verschiedenen Urlauben.


Der eine erinnert sich an die schönen Gespräche. Der andere an den Stress bei der Anreise. Der eine an die wunderschönen Sonnenuntergänge. Der andere daran, dass das Hotelzimmer zu klein war.


Man könnte nun darauf bestehen wollen: „Aber ich habe recht. Es war so, wie ich es erlebt habe.“


Das würde allerdings voraussetzen, dass es eine objektive Wahrheit gibt, die wir alle exakt gleich wahrnehmen. Und genau das tun wir nicht. Jeder Mensch erinnert sich verzerrt. Auch du. Auch ich. Nicht (immer), weil wir lügen oder uns absichtlich täuschen. Sondern weil unser Gehirn Informationen filtert, sortiert, bewertet und vereinfacht. Das macht es nicht, um uns zu ärgern, sondern weil es unglaublich effizient arbeiten muss.


Heute möchte ich einen Schritt weitergehen.

Denn wir nehmen nicht nur die Welt unterschiedlich wahr.

Wir nehmen auch uns selbst unterschiedlich wahr.

Und oft erleben andere Menschen uns ganz anders, als wir uns selbst erleben.


Das Bild, das wir von uns haben


Jeder Mensch trägt ein Bild von sich in sich. Wir wissen, was wir denken. Wir kennen unsere Sorgen. Unsere Unsicherheiten. Unsere Zweifel. Unsere Hoffnungen. Unsere Geschichte. Unsere Symptome. Wir erleben jeden Tag, was in uns vorgeht.


Andere Menschen sehen dagegen etwas ganz anderes. Sie sehen unser Verhalten. Unsere Worte. Unsere Mimik. Unsere Entscheidungen. Sie sehen das, was nach außen sichtbar wird.


Und manchmal entsteht dadurch eine erstaunliche Diskrepanz.


Vielleicht kennst du solche Situationen:

Jemand nennt dich mutig. Dabei fühlst du dich voller Angst.

Jemand beschreibt dich als selbstbewusst. Während du innerlich ständig an dir zweifelst.

Jemand bewundert deine Gelassenheit. Und du fragst dich, ob diese Person gerade wirklich von dir spricht.



Oder jemand sagt: „Du wirkst immer so entspannt.“

Und du denkst: „Wenn du wüsstest, was in meinem Kopf los ist.“


Wie kann das sein?


Das Johari-Fenster


In der Psychologie gibt es dazu ein Modell, das sogenannte Johari-Fenster.


Ich habe es bereits in der Schule im Psychologieunterricht kennengelernt. Und genauso wie das Kommunikationsmodell von Schulz von Thun hat mich auch dieses Modell bis heute begleitet.


Also lieber Herr Professor von damals – sollten Sie das jemals lesen – Sie haben Spuren hinterlassen. 😊


Zurück zum Modell.


Das Johari-Fenster beschreibt vier Bereiche unserer Persönlichkeit.


Die öffentliche Person


Das sind Eigenschaften, Verhaltensweisen und Informationen, die sowohl uns selbst als auch anderen Menschen bekannt sind. Dinge, die wir von uns wissen und die wir zeigen.

Zum Beispiel:

  • Ich bin Psychologin.

  • Ich bin Mutter.

  • Ich bin gerne unter Menschen.

  • Ich bin strukturiert und manchmal passieren Fehler.

Dieser Bereich ist für alle sichtbar.


Geheimer Bereich


Das sind Dinge, die wir über uns wissen, die andere aber nicht kennen.

  • Gedanken.

  • Gefühle.

  • Ängste.

  • Wünsche.

  • Erfahrungen.

Vielleicht weiß niemand, wie oft du an dir zweifelst.

Vielleicht weiß niemand, wie sehr dich etwas beschäftigt.

Vielleicht kennt niemand deine größte Angst.


Der blinde Fleck


Das ist der Bereich, den andere Menschen sehen, wir selbst aber nicht.

Und genau dieser Bereich ist oft besonders spannend.

Vielleicht erleben andere dich als warmherzig.

Als mutig.

Als kompetent.

Als inspirierend.

Während du selbst diese Eigenschaften kaum wahrnimmst.

Oder andere bemerken, dass du gestresst wirkst, lange bevor du es selbst bemerkst.


Das Unbekannte


Und dann gibt es noch Bereiche, die weder uns noch anderen bewusst sind.

  • Potenziale.

  • Fähigkeiten.

  • Muster.

  • Stärken.


Manchmal entdecken wir sie erst durch besondere Erfahrungen, Krisen oder neue Lebenssituationen.

Alle vier Bereiche haben ihre Berechtigung.


Und das Schöne daran ist: Unser bekanntes Feld kann wachsen.

  • Durch Gespräche.

  • Durch Beziehungen.

  • Durch Selbsterfahrung.

  • Durch Therapie.

  • Durch ehrliches Feedback.


Je neugieriger wir auf uns selbst werden, desto mehr können wir über uns kennenlernen.


Warum der Blick anderer manchmal so wertvoll ist


Viele Menschen tun sich schwer mit Feedback. Mit positivem, weil sie es manchmal nicht annehmen können – und mit negativem, weil es unangenehm sein oder Scham auslösen kann.


Wenn dir zehn Menschen sagen, dass du empathisch bist, du selbst aber vor allem jene Situationen siehst, in denen du ungeduldig warst, dann wird es schwer sein, diese Eigenschaft bei dir anzunehmen.


Unser Gehirn ist nämlich nicht besonders objektiv, wenn es um uns selbst geht.


Es sucht häufig nach Bestätigung für das Bild, das wir bereits von uns haben.


  • Wenn du glaubst, nicht gut genug zu sein, werden dir Hinweise darauf stärker auffallen.

  • Wenn du glaubst, immer stark sein zu müssen, wirst du deine verletzlichen Seiten vielleicht eher übersehen.

  • Wenn du glaubst, immer alles falsch zu machen, bleiben Fehler möglicherweise stärker hängen als Erfolge.


Deshalb kann der Blick anderer Menschen manchmal unglaublich wertvoll sein. Nicht weil andere die absolute Wahrheit über uns kennen. Sondern weil sie etwas sehen können, das wir selbst gerade nicht sehen.


Und genau hier wird das Johari-Fenster besonders spannend.


Denn seine vier Bereiche sind nicht starr. Sie können sich verändern.


Wenn mir jemand zum Beispiel immer wieder rückmeldet, dass er mich als mutig erlebt, obwohl ich selbst vor allem meine Angst wahrnehme, kann etwas, das bisher eher in meinem blinden Fleck lag, langsam Teil meines eigenen Selbstbildes werden.


Vielleicht beginne ich irgendwann zu denken:

„Stimmt. Vielleicht bin ich tatsächlich mutig – und habe gleichzeitig Angst.“


So kann Beziehung dazu beitragen, unser Bild von uns selbst zu erweitern.


Nicht jede Rückmeldung eines anderen Menschen ist automatisch richtig. Aber wenn wir neugierig darauf werden, wie andere uns erleben, können wir manchmal Seiten an uns entdecken, die wir selbst bisher kaum wahrgenommen haben.


Gleichzeitig kann sich unser bekanntes Feld auch auf einem anderen Weg vergrößern: durch Selbstreflexion, neue Erfahrungen, Selbsterfahrung oder Therapie.


Manches entdecken andere zuerst an uns.

Anderes entdecken wir selbst.

Und damit kommen wir zu einem weiteren spannenden Gedanken.


Wie viele Seiten von mir kenne ich eigentlich?


Wenn wir vom „Bild von uns selbst“ sprechen, klingt das schnell so, als gäbe es dieses eine, klare Ich.


Aber schon innerhalb dessen, was uns selbst bekannt ist, gibt es unglaublich viele unterschiedliche Seiten.


Vielleicht kennst du dich als fürsorglich und gleichzeitig als jemanden, der manchmal einfach seine Ruhe braucht.


Als selbstbewusst und gleichzeitig unsicher.


Als mutig und vorsichtig.


Als neugierig und sicherheitsliebend.


Und genauso können in dem Bereich, den andere an uns wahrnehmen, Seiten liegen, die uns selbst noch gar nicht bewusst sind.


Manche davon lernen wir durch Beziehungen kennen.


Andere durch Selbstreflexion.


Und wieder andere vielleicht erst in einer neuen Lebensphase oder einer Situation, in der wir uns selbst plötzlich ganz anders erleben.


Unser Selbstbild ist also viel weniger eindeutig, als wir oft glauben.


Ein kleiner Ausflug zu unseren inneren Anteilen


In verschiedenen psychologischen Ansätzen spricht man in diesem Zusammenhang auch von inneren Anteilen.


Damit ist vereinfacht gemeint, dass unterschiedliche Seiten in uns unterschiedliche Bedürfnisse, Gefühle und Sichtweisen haben können.


Vielleicht kennst du das:

  • Ein Teil von dir möchte endlich den Urlaub buchen.

  • Ein anderer zählt sofort alle Risiken auf.

  • Ein Teil freut sich auf einen Vortrag.

  • Ein anderer würde am liebsten absagen.

  • Ein Teil weiß rational, dass alles in Ordnung ist.

  • Ein anderer schlägt Alarm.


Das ist nichts Ungewöhnliches, sondern gehört zum menschlichen Erleben.


Und nein – unterschiedliche Anteile bedeuten nicht, dass man schizophren ist oder mehrere Persönlichkeiten hat.


Sie sind ein ganz normaler Teil menschlichen Erlebens. Jeder Mensch hat unterschiedliche innere Seiten.


Welche dieser Seiten besonders häufig auftauchen, woher sie kommen und warum manche davon so laut werden können, wäre allerdings ein eigenes Thema – und würde an dieser Stelle zu weit führen.


Für unseren Gedanken hier ist etwas anderes entscheidend:


All diese Seiten können zu uns gehören.


Und manchmal brauchen wir andere Menschen, neue Erfahrungen oder bewusste Selbstreflexion, um überhaupt zu entdecken, was alles in uns steckt.


Wer hat nun recht?


Und damit zurück zur Ausgangsfrage.


Wer hat recht?


Du oder die anderen mit dem wie du bist?


Die Antwort lautet vermutlich: Beide können einen Teil sehen.


Du kennst deine Gedanken. Deine Gefühle. Deine Sorgen. Deine Unsicherheiten.


Andere Menschen sehen dein Verhalten. Deine Wirkung. Deine Stärken. Deine Ausstrahlung.

Beide Perspektiven zeigen einen Ausschnitt.


Und manchmal erweitert der Blick eines anderen sogar den Blick, den wir auf uns selbst haben.


Das Problem entsteht meist erst dann, wenn wir glauben, nur eine Perspektive dürfe wahr sein.

Wenn wir denken:

  • Entweder bin ich mutig oder ich habe Angst.

  • Entweder bin ich stark oder verletzlich.

  • Entweder bin ich kompetent oder unsicher.


Vielleicht stimmt aber beides.


Vielleicht darf man mutig sein und sich trotzdem fürchten.


Vielleicht darf man stark sein und trotzdem Hilfe brauchen.


Vielleicht darf man kompetent sein und trotzdem Zweifel haben.


Vielleicht darf jemand dir ein Kompliment machen und gleichzeitig darf da eine Seite in dir sein, die sich noch an Fehler erinnert.


Vielleicht musst du diese Seite gar nicht wegmachen.


Vielleicht darfst du sie wahrnehmen, ihr zuhören und trotzdem das Kompliment annehmen.


Und vielleicht darf jemand etwas Schönes in dir sehen, das du selbst erst noch kennenlernen musst.


Was wir mit diesem Wissen machen können


Vielleicht geht es gar nicht darum, herauszufinden, wer wir „wirklich“ sind.


Vielleicht geht es vielmehr darum, neugierig zu werden.


Neugierig auf die unterschiedlichen Seiten in uns.


Neugierig auf die Sichtweisen anderer.


Neugierig auf das, was wir bisher übersehen haben.


Je besser wir unsere unterschiedlichen Seiten kennenlernen, desto weniger müssen wir gegen uns selbst kämpfen.


Und je offener wir für die Wahrnehmung anderer Menschen werden, desto vollständiger kann das Bild werden, das wir von uns selbst haben.


Vielleicht besteht persönliche Entwicklung nicht darin, jemand anderes zu werden.


Vielleicht besteht sie darin, immer mehr von dem kennenzulernen, was längst da ist.


Eine kleine Einladung


Vielleicht magst du dir in den nächsten Tagen folgende Fragen stellen:

  • Welche Eigenschaften schreiben andere Menschen mir immer wieder zu?

  • Welche davon kann ich selbst gut annehmen?

  • Welche überraschen mich?

  • Welche lösen vielleicht sogar Widerstand aus?

  • Welche Seite in mir sagt sofort: „Nein, so bin ich nicht“?


Und vielleicht kannst du dieser Seite einmal neugierig begegnen.


Nicht um sie zu verändern.


Nicht um sie wegzumachen.


Sondern um sie kennenzulernen.


Manchmal beginnt persönliches Wachstum genau dort.


Nicht indem wir jemand anderes werden.


Sondern indem wir entdecken, was längst alles zu uns gehört.



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