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Warum wir oft mehr hören als gesagt wurde...

  • Autorenbild: Alexandra Lang
    Alexandra Lang
  • vor 18 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit

Kommunikation verstehen – und damit Beziehungen besser verstehen


Im letzten Artikel ging es um das ABC-Modell und darum, dass zwischen einem Ereignis und unserer Reaktion immer noch etwas Entscheidendes liegt: unsere Gedanken, Bewertungen und inneren Überzeugungen.


Heute möchte ich diesen Gedanken erweitern.


Denn besonders in Beziehungen wird sichtbar, wie stark unsere innere Welt mitbestimmt, wie wir Situationen erleben.


Beziehungen gehören zu den wichtigsten Einflussfaktoren für Gesundheit – psychisch und körperlich. Gleichzeitig entstehen viele Belastungen nicht nur durch das, was tatsächlich passiert, sondern auch durch das, was wir daraus machen.


Denn oft reagieren wir nicht nur auf das, was gesagt wurde. Sondern auf das, was wir darin hören.


Und genau hier hilft ein Modell, das viele vielleicht noch aus Schule, Ausbildung oder Beruf kennen: das Kommunikationsquadrat von Friedemann Schulz von Thun – häufig auch als 4-Ohren-Modell bekannt.


Ich selbst habe es zum ersten Mal in der Schule kennengelernt – und bis heute begleitet es mich in meiner Arbeit und im Alltag.


Weil es Kommunikation auf eine einfache und gleichzeitig erstaunlich tiefe Weise verständlich macht.


Und weil es uns nicht nur hilft, andere besser zu verstehen – sondern oft auch uns selbst.


Was das 4-Ohren-Modell beschreibt


Das Modell geht davon aus:

Jede Nachricht enthält mehrere Ebenen gleichzeitig.


Und gleichzeitig hören wir Menschen selten vollkommen neutral zu.


Unsere Erfahrungen, unsere Stimmung, unsere Erwartungen und unsere bisherigen Beziehungserfahrungen beeinflussen, welche Botschaft bei uns besonders laut ankommt.


Nach Schulz von Thun enthält jede Aussage vier Seiten:


  • Die Sachebene

Was wird konkret gesagt?

Hier geht es um Informationen, Fakten und den eigentlichen Inhalt.


  • Die Selbstoffenbarung

Was zeigt die andere Person von sich?

Jede Aussage verrät – bewusst oder unbewusst – etwas über Bedürfnisse, Gefühle, Werte

oder den inneren Zustand.


  • Die Beziehungsebene

Wie steht die Person zu mir?

Tonfall, Wortwahl, Blick oder Körpersprache vermitteln oft auch, wie wir die Beziehung

erleben.


  • Die Appellebene

Was soll ich tun?

Viele Aussagen enthalten direkt oder indirekt einen Wunsch, eine Erwartung oder eine

Einladung zum Handeln.


Ein kleiner Satz – und vier mögliche Bedeutungen


Stell dir vor, dein Partner sagt:

„Der Müll ist voll.“


Ein kurzer Satz. Und trotzdem können ganz unterschiedliche Dinge bei dir ankommen.


  • Mit dem Sachohr:

„Stimmt – der Mistkübel ist voll.“


  • Mit dem Selbstoffenbarungs-Ohr:

„Er wirkt gerade gestresst oder genervt.“


  • Mit dem Beziehungs-Ohr:

„Er findet, ich kümmere mich nicht genug.“


  • Mit dem Appell-Ohr:

„Ich soll den Müll hinausbringen.“


Der Satz bleibt derselbe.

Aber die innere Reaktion kann völlig unterschiedlich sein.

Und genau das macht Kommunikation manchmal so herausfordernd.


Was wir hören, erzählt etwas über den anderen UND über uns


Der spannende Teil beginnt dort, wo wir erkennen: Unsere Reaktion entsteht nicht nur durch die Worte, die jemand zu uns sagt, sondern durch unsere innere Geschichte.


Menschen unterscheiden sich darin, welche „Ohren“ besonders empfindlich eingestellt sind.


  • Manche hören sehr stark auf Beziehung.

  • Andere auf Kritik.

  • Andere auf Erwartungen.


Das ist nicht falsch.

Es ist menschlich und hat mit deinem Aufwachsen und deinen Erfahrungen zu tun.


Wenn jemand zum Beispiel sehr sensibel auf dem Beziehungsohr hört, kann ein neutral gemeinter Satz schnell Gefühle auslösen wie:

  • Ich genüge nicht.

  • Ich habe etwas falsch gemacht.

  • Ich werde kritisiert.

  • Ich werde nicht gesehen.


Frühere Erfahrungen, wiederholte Beziehungsmuster und Überzeugungen können beeinflussen, worauf unser Gehirn besonders aufmerksam reagiert.


Und dann reagieren wir häufig nicht nur auf den Moment.


Sondern auch auf Bedeutungen, die wir schon lange mit uns tragen.


Kommunikation verstehen heißt nicht: Gefühle wegdiskutieren


Das ist mir wichtig. Dieses Modell bedeutet nicht: „Du bildest dir ein, dass dein Parnter ständig mit dir herumschafft.“ BZW. „Das Problem liegt nur in deiner Interpretation.“


Menschen senden tatsächlich Botschaften. Und manchmal sind Aussagen auch wirklich abwertend, verletzend oder unklar.


Das Ziel ist deshalb nicht, alles zu relativieren. Sondern neugierig zu werden.


Zu unterscheiden:

  • Was wurde tatsächlich gesagt?

  • Was habe ich gehört?

  • Und was davon gehört vielleicht zu mir?


Allein diese kleine Pause verändert oft schon sehr viel.


Eine kleine Reflexionsübung


Nimm dir heute einmal einen Moment Zeit und frage dich:

  • Wann hat dich zuletzt ein Satz stärker getroffen als erwartet?

  • Was wurde tatsächlich gesagt?

  • Was hast du darin gehört?

  • Über welches Ohr kam die Botschaft bei dir an?

  • Welche Gedanken oder Gefühle wurden ausgelöst?

  • Kennst du dieses Gefühl vielleicht aus anderen Situationen?


Einfach um dich besser kennenzulernen.

Manchmal entdecken wir dabei: Ich reagiere gerade nicht nur auf diese Person.

Sondern auch auf einen alten inneren Schutzmechanismus.


Zum Mitnehmen


Kommunikation passiert nie nur zwischen zwei Menschen.

Sie passiert zwischen Erfahrungen, Erwartungen, Bedürfnissen und Geschichten.

Und manchmal hören wir mehr, als gesagt wurde, weil unser Gehirn ständig versucht, Bedeutung zu schaffen.

Je besser wir verstehen, wie wir hören, desto bewusster können wir kommunizieren.



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